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Ligue 1

Lorient: „Merlux“, die Rückkehr des Seehechts – Klub zieht dicken Fisch an Land

Vom FC Lorient hört man in Deutschland relativ wenig. Nun ist das abgetauchte Klubmaskottchen wieder aufgetaucht. Mit einem neuen Namen, der pragmatischer kaum sein könnte. Die Hintergründe.

"Merlux" jubelt durchs Stade du Moustoir

„Merlux“ jubelt durchs Stade du Moustoir. Foto: latelegramme.com

An was denkt man beim Thema „Seehecht“ wohl als Erstes? Fischsuppe oder andere deliziöse Speisen? Besser nicht, denn Greenpeace warnt: „Grundsätzlich nicht empfohlen„. Zu selten ist die die Meere unsicher machende Fischart mittlerweile geworden. Auch Frankreichs wohl bekanntester Seehecht war lange Zeit von der Bildfläche verschwunden. Doch Befürchtungen, er schwimme noch immer an andere Ufer oder sei einem bretonischen Fischer ins Netz gegangen, haben sich glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Denn er ist wieder dort, wo er hingehört – im Stade du Moustoir des FC Lorient!

Aus „Penao“ wird „Merlux“

Und mit im Gepäck hat das zwischenzeitlich verschollen geglaubte Maskottchen des südbretonischen Vereins seit Samstag auch einen neuen Namen: Bisher als „Penao“ bekannt und geschätzt, heißt der Glücksbringer nun nach einer Facebook-Abstimmung „Merlux“. „Les Merlus“ (dt. „die Seehechte“), so wird auch das Team von Trainer Christian Gourcuff gennant – und ein solcher ist eben „Penao“ auch immer gewesen.

"Merlux" Samstagabend beim 4:0 Heimsieg im bretonischen Derby gegen Stade Brestois 29, Foto: Finjean Erwan / Twitter

„Merlux“ mit der Nr. 56 (Ordnungszahl des Département Morihan) Samstagabend beim 4:0 Heimsieg im bretonischen Derby gegen Stade Brestois 29. Foto: Finjean Erwan / Twitter

Doch der neue Name hat noch mehr zu bieten. Neben der simplen, aber treffenden Anlehnung an das französische Wort für Seehecht, das wiederum auf die lateinische Artenbezeichnung „Merluccius“ (zusammengesetzt aus lat. „mare, maris“ für Meer und „lucius“ für Hecht) zurückgeht, wäre da etwa die auffällige Endung „-x“, die aufmerksamen BlogleserInnen sofort ins Auge fallen müsste.

„Merlux“: ein geschickter Marketingcoup?

„Das erinnert mich an ‚Footix’…“ war auf der Facebookseite des FC Lorient kurz nach Bekanntgabe des neuen Namens zu lesen. Zur Erinnerung: Als „Footix“ werden in Frankreich abfällig Erfolgsfans bezeichnet, in Anlehnung an das Maskottchen der WM 1998 im eigenen Land, einen stilisierten gallischen Hahn, Symbol der weiteren Popularisierung des Fußballsports im Hexagon – auch mit ihren negativen Aspekten. Die Macher des WM-Maskottchens wollten damals mit der „-ix“-Endung humoristisch gängige Gallier-Stereotypen bedienen. Das ist seit Asterix zwar weder neu noch besonders originell, zeigt aber, dass das vermeintlich Keltische im heutigen Frankreich nicht nur durch einen weltweit bekannten Glimmstengel als Marketinginstrument benutzt wird.

"Penao", das "alte" Maskottchen, noch ohne Trikot und Shorts. Foto: Emmanuel Raide / les3points.com

„Penao“, das „alte“ Maskottchen, noch ohne Trikot und Shorts. Foto: Emmanuel Raide / les3points.com

Auch bei „Merlux“ kann man solch einen Bezug zum Keltischen herauslesen – wenn man denn möchte. Immerhin ist die Bretagne, in der der FC Lorient beheimatet ist, genau jene Region, in der mit dem Bretonischen (bret. „Breizh“) eine dem Keltischen zugerechnete Sprache gesprochen wird. Außerdem existieren zahlreiche kulturelle Bräuche und Festivitäten, die Anleihen an der keltischen Vergangenheit der Gegend machen.

Regionalismus wird beim FC Lorient groß geschrieben

Dass regionale Identität bei den „Merlus“ vom FC Lorient groß geschrieben wird, ist sowieso nichts Neues. Bis zur Änderung des Vereinswappens 2010 fand sich auf diesem neben dem unabdingbaren Seehecht auch der regionale Namenszusatz „Bretagne Sud“. Mit der „Modernisierung“ des Logos verschwand der Zusatz zwar wieder, dafür wurde – wie bei anderen bretonischen Vereinen auch (siehe Info unten) – die bretonische Flagge (bret. „Gwenn ha du“) eingebaut. Ob Rennes, Brest oder Guingamp, Variationen dieser regionalen Symbole findet man bei jedem Verein in der Bretagne.

Die bretonische Flagge "Gwenn ha du". Abbildung: Wikipedia

Die bretonische Flagge „Gwenn ha du“ findet Verwendung in vielen Vereinswappen – so auch beim FC Lorient. Abbildung: Wikipedia

Und deshalb stellt Lorient mit seinen  Bezügen zur bretonischen Kultur auch keine Ausnahme dar. Abgrenzen kann er sich da schon besser mit seinem Maskottchen. Denn der Seehecht ist zugleich auch ein Symbol der Stadt Lorient, die einen bedeutenden Fischereihafen beherbergt. „Merlux“, der tango-farbene Seehecht (immerhin die Farbe des Jahres 2012), ist also Lokalpatriotismus pur.

Mit „Merlux“ zu neuen Ufern?

Dass das zwischenzeitlich verschwundene Maskottchen – regungslos soll das Fischkostüm die letzten Jahre im Schrank gehangen haben – nun gerade diesen Winter zurückkehrte, scheint aber auch nicht ganz so zufällig. Erst am 29. Januar hatte sich ein ratloser Lorient-Fan in einem Vereinsforum gefragt, was eigentlich aus dem alten Maskottchen geworden sei: „Ich habe den Eindruck, dass er (Penao, DF) in der völligen Anonymität verschwunden ist. Wirklich mau vom Klub.“

Nur wenige Tage später hieß es dann von Vereinsseite, „Penao“ würde zurück kommen – aus Anlass des Derbys gegen Stade Rennais, bei dem es den fiktiven Anstoß durchführen solle. Doch damit nicht genug, gleichzeitig ließ der FCL die Fans wissen, dass nur der Kopf des alten „Penao“ erhalten sei und sein Name geändert werden soll. Und wie es mittlerweile üblich zu sein scheint, veranstalteten die Bretonen das Ganze via besagte Fanabstimmung, bei der die treuen und weniger treuen Anhänger (um genau zu sein: jeder) Namensvorschläge machen konnten. Am 5. Februar dann ein erstes Zwischenergebnis: „Merlux“ führte das Ranking mit 305 Stimmen an, gefolgt von „Lulu le merlu“ (125), „Merluchon“ (in Anlehnung an den Politiker Jean-Luc Mélenchon vom Parti de Gauche; 72), „Anti-Brest“ (in Anlehnung an die Rivalität zu „SB 29“, bezeichnenderweise zu diesem Zeitpunkt 29 Stimmen) und diversen anderen Vorschlägen wie „Merlusconi“ (selbsterklärend).

Der schwierige Neuanfang und ein erster großer Erfolg

Samstagabend vor dem Derby gegen Brest wurde dann das Ergebnis bekanntgegeben: Um es kurz zu machen, an der Reihenfolge des Zwischenergebnisses hat sich nichts mehr verändert – „Merlux“ war der strahlende Siegerseehecht. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken ließen nicht lange auf sich warten und gingen von „super“ über „nicht schlecht“ bis „das ist bescheuert“ und „lächerlich“. Es wurde sogar ein Zusammenhang mit FCL-Sponsor „Amor-Lux“, einer bretonischen Bekleidungsmarke vermutet. Scheinbar muss „Merlux“ noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Seinen ersten Einsatz als neu-getaufter Glücksbringer erledigte der Seehecht aber vorzüglich: Mit 4:0 fertigte man die bretonischen Nachbarn aus Brest im Moustoir ab. Und danach hieß es dann auf Facebook: „Bravo! Und Dank an Merlux und die Fans! Und an die Merlus! Super Abend.“

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Info: Die bretonischen Vereine und ihre regionale Identität

„Gwenn ha du“, die bretonische Flagge, die das Emblem des FC Lorient ziert, prangt auch – mehr oder weniger stilisiert – auf den Wappen anderer bretonischer Vereine. Beim Vannes OC wurden 2010 gleich Farben und Streifen des Banners benutzt und das Hermelin, ein stilisiertes Wiesel, das Symbol der Grafen der historischen Bretagne, durch die Vereinsinsignien „VOC“ ersetzt. Stade Brestois 29, das auch auf die Départementsziffer „29“ (Finistèrre) setzt, räumt dem Hermelin einen prominenten Platz im Vereinslogo ein, ebenso wie der FC Nantes. Nantes ist zwar formell nicht Teil der heutigen Region Bretagne, gehörte aber zur historischen Bretagne und ist bis heute kulturell eng mit der Region verbunden. Zweitligist En Avant Guingamp, bei dem schon illustre Größen wie Didier Drogba oder Florent Malouda gegen den Ball traten, verwendet im Vereinswappen die Streifen des bretonischen Banners, allerdings in Rot-Schwarz, und anstelle des Hermelin-Musters die Triskele, die als weiteres Symbol der Bretagne gilt. Bei Stade Rennais trägt man „Gwenn ha du“ zwar nicht im Vereinswappen, dafür sind die Auswärtstrikots regelmäßig in den Farben des bretonischen Banners gehalten. Zur Saison 2010-2011 wickelten sich die „Rouge et noir“ die Flagge sogar fast unverändert um den Torso. Und passenderweise ist das Vereinsmaskottchen der Rennais, „Blanche l’Hermine“, dann auch das bretonische Wappenwiesel. Dass sich Fanvereinigungen bretagneweit bretonisch-keltische Namen geben, gehört dann nicht wirklich überraschend schon zum guten Ton.

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  • Wenn das sein echter Account ist, sieht man Ljuboja bald wieder auf der anderen Seite des Rheins. #LastRT 3 years ago
  • RT @LjubojaD: Direction Allemagne nouvelle destination 3 years ago
  • Ahahaha. Leute beschweren sich, dass Guardiola mit Alonso einen Spanier holt. Morgen wird dann wieder Fußball als globaler Sport abgefeiert. 3 years ago

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