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Ligue 1

Ligue 1: Auf ein Neues – Rundumschlag zum Saisonstart

Es ist soweit. Seit Freitagabend rollt der Ball wieder. Es ist wieder Ligue 1 – endlich. Und wie es die Prophezeiung in WM-Jahren will, schienen die großen Klubs noch nicht dem Ferienmodus entkommen. Dementsprechend fragte „L’Équipe“ nach dem Auftaktunentschieden von PSG in Reims (2:2), dem entfesselten 3:3 von OM in Bastia und der überraschenden Heimniederlage des AS Monaco gegen Lorient (1:2): „Die Zugpferde noch in den Ferien?“

Nach Rio ist vor Reims

Und dabei begann eigentlich alles wie erwartet: Zlatan markiert den ersten Treffer der Saison, PSG scheint Stade de Reims früh den Schneid abzukaufen. Dann rennt Lucas Moura, der von (nun Ex-)Seleçao-Trainer Scolari nicht für die WM am Zuckerhut berufen wurde, alleine auf Rémois-Ausweichkeeper Placide zu und müsste nur auf den freistehenden Ibrahimovic hinüberlegen, wie auf der Playstation. Tut er aber nicht, sondern läuft in den Tormann. Danach sollte ein scheinbar genervter Zlatan den Pfosten treffen und einen Elfer verschießen. Nach der Pause und dem 1:2-Rückstand, denn Reims hatte das Spiel zwischenzeitlich gedreht, war es dann erneut Zlatan, der – wie beim 1:0 aufgelegt von einem spielfreudigen Javier Pastore – das 2:2 besorgte. Dabei sollte es bleiben, denn Aissa Mandi, der im Gegensatz zu Ibra, Lucas und Pastore mit Algerien bei der WM war, rettete den Rémois in der Nachspielzeit binnen kürzester Zeit das Remis mit zwei Rettungstaten auf der Linie.

Was bleibt? Der „Egoismus“ von Lucas sollte von Frank Leboeuf scharf gegeißelt werden: „Lucas, der dem Schiffbruch der Brasilianer bei der WM entkommen ist, hat die Gelegenheit, diese Saison neu durchzustarten. Aber hat er daraus gelernt?“ Lucas aus der WM gelernt? Was meint Leboeuf? Vielleicht, dass das kollektive Trauma der Brasilianer eben nicht nur jene betrifft, die bei dem schändlichen 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland wie gelähmte Statuen wirkten. Sondern alle, und das scheint brasilianischen Fußballern per se unterstellt zu werden, die sich verlassen auf das Ausnahmekönnen ihrer Helden. Neymar wird es schon richten. Individualismus statt Teamarbeit. Die Unsicherheit nach dem Ausfall von Neymar, die für jeden sichtbar wurde. Und nun huldigt Lucas wieder jenem Individualismus, anstelle einfach auf Ibrakdabra, dem non plus ultra unter den Zampanos der Ligue 1, zu legen. Ist PSG Brasilien? Für Agenturen und Kommentatoren schien es so. Und „France Football“ (vom 22. Juli) legte mit einem furiosen Titelblatt „Die Schiffbrüchigen des PSG“ inklusive Dossier „Brasilien: Die Last der Schmerzen“ nach. Auf dem Cover: Thiago Silva und David Luiz als Havaristen in Brasilien-Trikot und Schwimmring in PSG-Couleur.

„Paris, Hauptstadt des brasilianischen Fußballs“

David Luiz. Ganz genau. Mit ihm hatte PSG in Mitten der WM einen weiteren Brasilianer in die Capitale geholt. Als bis dato (mit dem heute verkündeten Wechsel von Nationalspieler Eliaquim Mangala vom FC Porto zu Manchester City scheint das schon wieder überholt) teuersten Verteidiger der Welt. Passend dazu gerierten sich die Pariser qua entsprechender PR-Kampagne als „Hauptstadt des brasilianischen Fußballs“. Angesichts von Thiago Silva, Maxwell, Marquinhos, Lucas Moura und nun David Luiz (man könnte noch Thiago Motta hinzuzählen, nach Fifa-Gesetzgebung gilt er aber als Italiener) zwar nicht ganz abwegig, aber auch nicht gerade bescheiden. Nun ja, bedenkt man die allgemeine Auslosung des Klubs, „dream bigger“, passen sowohl Brasilien-Kampagne als auch Luiz-Transfer vielleicht nicht so schlecht ins Konzept. Auf der anderen Seite erscheinen vor diesem Hintergrund die Debatten um eine Ausstrahlung des brasilianischen WM-Traumas bis in die „Ville Lumière“ mehr oder weniger hausgemacht. Selbstbilder und Fremdbilder, und so weiter.

Neben Luiz holte PSG noch Serge Aurier, dessen Stern beim Nationenvergleich in Übersee breitenwirksam aufging. Während die Elfenbeinküste mit zahlreichen aktuellen und ehemaligen Ligue-1-Spielern als Team nicht brillierte, fragten sich auch deutsche Zuschauer, wer denn der Kerl mit dem Wortspielerzeugenden Trikotnamen „S.Aurier“ sei, der ohne Unterlass seine rechte Seite bepflügte und zum Beispiel gegen Japan Präzisionsflanken im Minutentakt absendete. Dass Aurier hingeben mitnichten ein WM-Emporkömmling ist, sondern seine Leistungen in Brasilien eher die Bestätigung seiner kontinuierlichen Arbeit beim Toulouse FC darstellen, wird von vielen nur hintergründlich wahrgenommen worden sein, wenn er den Konkurrenzkampf mit Van der Wiel für sich entschieden haben sollte, und sich den Status des Stammspielers bei PSG erarbeitet haben sollte.

Gestatten, James – Die WM als Bühne

Die Inkarnation des massenmedialen WM-Emporkömmlings in Brasilien war James (sprich: „Chames“) Rodríguez. Er verzückte das Publikum mit Ästhetik und Effizienz. Der James’sche Individualismus ist nicht vergleichbar mit jenem von z.B. Lucas Moura. Seltenst eine Aktion, die nicht zielführend ist und entweder der Schaffung einer Torchance oder dem Erzielen eines Treffers dient. Neben seinen genialen Momenten auf den Plätzen in Übersee sind von James auch folgende beide Szenen hängen geblieben: Der überdimensionierte Grashüpfer, der sich auf die Schulter des Virtuosen gebracht hatte und symbolisch als die Symbiose von Natur und (Fußball-)Kunst interpretiert werden kann. (Oder subversiver als Rückeroberung des kommerziellen Kunstprodukts durch die Natur. OK, wir schweifen ab.) Und dann die Szene nach dem Ausscheiden Kolumbiens gegen Brasilien, als David Luiz James trostspendend im Arm hält und dem Publikum mit dem anderen Arm auf ihn zeigend sagen will: „Seht her, er war der Beste. Sie sind raus, aber er war trotzdem der Beste.“ Und wenn man individuelle Leistungen irgendwie subjektiv bewerten möchte, würde die Mehrheit hier wohl zustimmen. Nun verlässt James nach nur einem Jahr die Ligue 1 wieder – auch er wechselt für eine astronomische Summe. Zu Real Madrid, der vereinsmäßigen Verkörperung des Spektakels. Nirgendwo sonst tummeln sich Ausnahmekönner, Individualisten, Zampanos wie im Bernabeu. Natürlich musste der beste Spieler der WM dementsprechend zum „besten“ Klub wechseln. Lohnend, dass James selbst auch Real-Fan zu sein scheint. Er wird nun ein Puzzleteil eines neuen „Weißen Ballets“ werden, das mehr als jedes andere Team für den entfesselten Fußballmarkt steht, das mehr als jedes andere für das Streben nach dem „Mehr“, nach dem „höher, schneller, weiter“ steht. Wer den Konnex zwischen „den Königlichen“ und dem Selbstverständnis Karls. V. und der spanischen Herrscher ziehen möchte: Plus ultra. Gut, zu diesem „plus ultra“ gehört es bei Zeiten auch, den Vertrag von Karim Benzema zu verlängern, der bei der WM eine eher tragische Rolle spielte. Man denke an seine vergebene Chance im Viertelfinale gegen Deutschland.

Quo vadis, Monaco?

Die Lücke, die Rodríguez am Rocher hinterlässt, ist riesig. Entgegen populistischer Annahmen, der „Oligarchenklub“ würde nach dem James-Wechsel auf große Shoppingtour gehen, sind die ganz „großen“ Transfers bisher ausgeblieben. Am Verbleib Falcaos bestehen trotz Dementis noch immer Restzweifel. Sonntagabend gegen Lorient absolvierte der Serienknipser eine halbe Stunde und verwandelte einen Elfmeter. An dem Eindruck, dass bei den Monegassen noch nicht alles stimme, konnte er aber auch nichts ändern. Ob der Verein nach der Niederlage nun den Mercato noch stärker animiert? Fraglich. Toulalan scheint in den Plänen des neuen Trainers, des Portugiesen Leonardo Jardim, keine Rolle zu spielen. Der Routinier steht vor dem Absprung, möglicherweise in die westfranzösische Heimat. Auch Anthony Martial, der erst letzte Saison als symbolisches Versprechen, die Jugend zu fördern, aus Lyon geholt wurde, könnte den Verein noch verlassen. Insofern könnte Skepsis weilen ob einer möglichen Vergänglichkeit des monegassischen Anspruchs, auf Dauer Platz 2 zu festigen oder gar mit PSG zu konkurrieren.

Jardim indessen verspricht interessante, weil unkonventionelle taktische Maßnahmen: Gestern brach er früh mit dem ursprünglichen 4-3-3, als er nach einer halben Stunde, beim Stand von 0:1, Neuzugang Bakayoko, einen zentralen Mittelfeldspieler vom Platz nahm und mit Valère Germain einen Stürmer brachte. Nicht nur ob der Verunsicherung, die er beim jungen Bakayoko hervorgerufen haben könnte, konnte dieser Wechsel verwundern. Die Umstellung auf ein 4-4-2 – bzw. gemessen an den Spielertypen eher ein 4-2-4 – war mit einem hohen Risiko verbunden, in gegnerische Konter zu laufen. Germain sollte wohl die Präsenz der Monegassen im und um den Strafraum erhöhen, wo die Lorientais Koné und Wachter im Verbund mit dem defensiven Mittelfeld um Raffidine Abdullah Berbatov nahezu neutralisierten. Zunächst antizipierte Jardim offenbar richtig, denn Lorient igelte sich im Laufe der Partie immer weiter ein. Monaco schnürte die „Merlus“ weiter zu und erzwang dann den Ausgleich per Elfmeter nach einer Drangphase. Bis hierhin schien Jardims risikoreiche Gleichung aufzugehen, doch war seine konsequente Erhöhung des Offensivpotenzials Segen und Fluch zugleich. Ersteres, weil der für Ocampos eingewechselte Falcao den Ausgleich erzielte. Letzteres, weil Jardim auch Toulalan für Ocampos hätte bringen können, um für mehr Absicherung zu sorgen. Selbige fehlte gegen Spielende und so war es mit einem der raren Entlastungsangriffe der Lorientais Lavigne, ein vollkommen unbekannter Debütant, der die verwaiste linke Abwehrseite der Monegassen entlang lief und zum 1:2 einschob. Monaco und Jardim standen mit leeren Händen dar.

Das Stühlerücken geht weiter – viel Neues auf den Trainerbänken?

Der Wunsch nach dem Außergewöhnlichem wohnte dem gemeinen Ligue-1-Fan eigentlich schon immer inne. Denn, und das ist leider die konstruierte Wahrheit, Fußball in der „Ligain“ ist oft dröge, langweilig, holzig. Die meisten Trainer setzten lange auf Physis, defensive Kompaktheit, safety first. Oder wie man im Fußballjargon bildlich zu sagen pflegt: Sie parken den Bus. Die löbliche Ausnahmen von dieser Regel sind rar gesät, etwa Christian Gourcuff, der in Lorient Konzeptfußball spielen ließ. Dieser ist jetzt wie viele Franzosen vor ihm gen Übersee ausgezogen, um genau zu sein nach Algerien (weitere Kolonialmetaphern werden jetzt ausgespart), um das hiesige Team nach der erfolgreichen WM zum Titel beim Afrikacup 2015 zu führen (nichts weniger dürfte das Ziel sein). Die Hoffnung in der heimischen Ligue 1 muss also zwangsläufig auf den neuen Gesichtern liegen. Als da wären neben Jardim: Gourcuff-Nachfolger Ripoll in Lorient, auch wenn er eigentlich kein neues Gesicht ist, weil bereits seinem Vorgänger zur Seite gestellt, Jean-Luc Vasseur, der Créteil in die Ligue 2 führte, dort den Klassenerhalt schaffte und nun bei Reims die Nachfolge des nach Lyon abgewanderten Hubert Fournier antritt, Patrice Garande, der Caen zurück in die Ligue 1 brachte und im Auftaktspiel einen überzeugenden 3:0-Auswärtssieg in Annecy gegen Évian feierte, Claude Makelele, der von der Pariser Bank (wo er Co-Trainer war) auf jene des SC Bastia wechselte und Willy Sagnol, der vom Verband zu Girondins Bordeaux kommt. Allesamt aus dem hiesigen Trainersystem und deshalb mal hier etwas außen vor. (Obwohl alle am ersten Spieltag punkten konnten.)

Marseille: Die „Kulturrevolution“ im Stand-by

Der mit Abstand meistbeachtete Trainerwechsel fand am Mittelmeer stand, und dieser sah OM-Interimstrainer José Anigo abdanken und den Argentinier Marcelo Bielsa, genannt „El Loco“, das Zepter des Klubs aus der phokaischen Stadt übernehmen. Er wird offensichtlich nicht umsonst so gerufen. Verschlossen soll er sein, aber zugleich exzentrisch, taktisch unkonventionell und ein Schleifer. OK, nehmen wir. Das Datum seiner Ankunft zog sich unendlich lang. Als er letztendlich landete nach er am Flughafen den Hinterausgang – an den wegen ihm wartenden Fans. Die erste Pressekonferenz inklusive Vorstellung fand kurz vor knapp in der Woche vor dem Auftaktspiel statt. Aber was hatte man erwartet: Klubpräsident Vincent Labrune, der als rechter Arm von Margarita Louis-Dreyfus („MLD“), der Klubeigentümerin gilt, hatte a priori von einer „Kulturrevolution“ gesprochen. Zwar sollte man solch hochtragende Worte aus dem Munde eines Journalisten von Beruf einzuordnen wissen, aber es schien so, als solle sich bei OM nach dem Katastrophenjahr 13/14, als man gefühlt zum ersten Mal seit Ewigkeiten (NB: In Frankreich qualifiziert man sich auch über den Ligapokal) die Qualifikation für die europäischen Wettbewerbe verpasste und die Champions-League-Gruppenphase als erster französischer Vertreter mit null Punkten beendete. Insbesondere Letzteres dürfte auch in Zukunft Anlass für gegnerische Fans sein, das gerne bemühte Motto „A jamais les premiers“ (eigentlich bezogen auf den ersten Gewinn der CL durch einen französischen Klub 1993) in spöttischer Weise gegen den Verein zu verwenden: Für immer die Ersten, die mit Nichts aus der Königsklasse nach Hause kamen. (Dabei wäre es natürlich noch schlimmer, in der Quali rauszufliegen, so wie OL letztes Jahr gegen Real Sociedad, und so auf üppige Einnahmen zu verzichten.)

Angesichts dessen schienen radikale Umstrukturierungen die logische Konsequenz: Als erstes ging der Sportdirektor und Interimstrainer in Personalunion, José Anigo, ins nordafrikanische Exil nach Marrakesch. Die Hassliebe zwischen ihm, dem Klub und der Stadt Marseille scheint bis auf Weiteres abgekühlt. Die Minimierung des Einflusses von Anigo und das Installieren von Bielsas als neuem starken Mann, einer Art „Supermanager“ im Bereich des Sportlichen kann nicht zu gering gewichtet werden. Dass dieser nun ein „Externer“ ohne OM-Vergangenheit ist, kommt noch hinzu. Daneben soll es Neuordnungen in den Bereichen Scouting und Jugendarbeit geben. Nun waren diese Maßnahmen nicht unbedingt präsent in den Medien während der Sommerpause. Neben dem Warten auf Bielsa bewegte vor allem eine aberwitzige Stadionposse das „peuple marseillais“. In einer Auseinandersetzung um die Höhe der Stadionmiete für das renovierte, vor der Einweihung stehende Stade Vélodrome, kam es zu einem wochenlangen Kräftemessen zwischen Vereinsdirektion (Labrune und Philippe Pérez) und der Stadt Marseille, vertreten durch den bei den Kommunalwahlen im Frühjahr bestätigten UMP-Bürgermeister Jean-Claude Gaudin. Nachdem OM damit drohte, aus dem heimischen Vélodrome auszuziehen, sollte die vorgeschlagene Miete nicht reduziert werden, und gar ein (temporärer) Umzug nach Montpellier im Raum stand, drohte ihrerseits die „Association OM“ (also der Stammverein) mit dem Entzug der Matrikelnummer im Falle eines Auszugs aus der jahrzehntelangen Heimstätte. Letztendlich wurde ein Kompromiss nach direkten Verhandlungen zwischen Gaudin und der aus der Schweiz eingeflogenen „MLD“ gefunden: Die Miete wurde gesenkt und ein umsatzabhängiger Anteil eingebaut. Der Stadioneinweihung am zweiten Spieltag gegen Montpellier steht also nichts mehr im Wege.

Bis dahin diskutieren die „Fadas“ wahrscheinlich über Transfers und das Auftaktspiel gegen Bastia. Mit Valbuena hat ein Schwergewicht – und zugleich ein zentrales Element von Deschamps‘ WM-Team – nach acht Jahren OM und die Ligue 1 verlassen und in Moskau angeheuert. Weitere Abgänge von Stammspielern (Mandanda, André Ayew, Nkoulou oder gar der erst 2013 geholten Payet oder Thauvin) sind nicht ausgeschlossen. Eine Reihe von unerwünschten Spielern wurde per SMS aus dem Profikader gestrichen und pflegt seither ein Dasein als „lofteurs“ auf der Suche nach neuen Vereinen. Die Konturen des künftigen Kaders sind also bisher erst grob umrissen. Dass insbesondere in der Defensive nachgebessert werden sollte, wurde am Samstag auf Korsika eindrucksvoll verdeutlicht. In einem verrückten, für den neutralen Zuschauer unterhaltsamen Spiel fing sich OM das schnelle Gegentor durch einen Sonntagsschuss von Ligue-1-Neuling Christopher Maboulou, der vor der Saison aus Châteauroux kam, wo er eine gute Saison spielte (allerdings auch für eine hitzige Debatte wegen eines Tors mit der Hand sorgte). In der Folge gelang es den Mannen von Bielsa, das Spiel durch einen abgefälschten Thauvin-Schuss und zwei Treffer durch André-Pierre Gignac, der den Vorzug vor dem belgischen Neuzugang Michy Batshuayi erhielt, umzukehren und auf 1:3 zu stellen. Doch nun brachen alle Dämme, im wahrsten Sinne des Wortes. Die in der Vorbereitung (u.a. Siege gegen Leverkusen und Benfica) weitestgehend solide 3er-Kette, in der am Samstag zudem mit Morel ein gelernter Außenverteidiger aufgeboten wurde, zeigte eklatante Schwächen. Nachdem zur Pause Debütant Sparagna wegen muskulären Problemen ausgewechselt wurde, rückte Morel auf die Position des rechten Innenverteidigers, weil Mendes, der den Verein wohl Richtung Golf verlassen wird, ebenfalls Linksfuß ist. Die Folgen der Repositionierungen: Ein vermeidbarer Elfmeter und Unstimmigkeiten zwischen Nkoulou und einem nun indisponierten Morel beim 3:3-Ausgleich durch Maboulou. Ein erster Dämpfer für Bielsa und OM und einiges an Konfliktpotenzial, was die Transferpolitik angeht. Der Herbst könnte mal wieder heiß werden in Marseille.

Bastia: Oops, they did it again

Doch das könnte er nicht nur dort. Denn das Spiel in Bastia sorgte für den ersten „handfesten“ Skandal der neuen Saison abseits des grünen Rasens. Vor, während und nach dem Match sei es Medienberichten und einem Kommuniqué der Marseiller Ultrà-Gruppierung „South Winners“ zufolge zu Krawallen und Übergriffen auf Polizisten, die u.a. den OM-Bus schützten, und OM-Fans (deren Zahl im Vorfeld aus Sicherheitsgründen bei dem Hochrisikospiel auf 90 begrenzt wurde) gekommen. Auch rassistische Beleidigungen werden Supportern der Korsen zur Last gelegt. Das Ergebnis der Ausschreitungen: 44 Verletzte Polizisten und eine Reihe von Versuchen, eine Antwort auf die Zwischenfälle zu finden. Der Präsident des Ligaverbands (LFP), Frédéric Thiriez, verurteilte „mit größter Entschlossenheit die unzulässige Gewalt“ und forderte „neue restriktive Maßnahmen, um die Wiederholung solcher Zwischenfälle zu vermeiden“. Innenminister Bertrand Cazeneuve und Sportministerin Najat Vallaud-Belkacem schlugen in die gleiche Kerbe und forderten die LFP auf, sich um die Krawalle zu kümmern. Hierzu würden in den nächsten Tagen Treffen zwischen LFP-Repräsentanten und den beiden Ministern einberaumt. Ob solche Vorstöße angesichts des offensichtlichen Gewaltproblems von Teilen der Fanschaft Bastias Lösungen bieten kann, darf zumindest bezweifelt werden.

Immerhin hatte es solche Szenarien – auch hier wurde darüber berichtet – in Bastia bereits gegeben, als etwa der Klub infolge von Zwischenfällen im Kontext des Spiels Bastia-OM am 13. Dezember 2012 (das ein Geisterspiel war!) wegen wiederholter Fanvergehen mit einer „provisorischen“ Platzsperre, einer Geldstrafe und einem Punktabzug belegt wurde. Gefruchtet hat das scheinbar wenig. Dafür scheinen sich die Negativeindrücke zu verfestigen.

DNCG: Wenn die Finanzen zum Politikum werden

Und wo wir schon bei der LFP sind. Tatsächlich hat es die ersten Skandale abseits des Platzes nicht am Samstag, sondern schon in der Sommerpause gegeben. Quasi permanent. Und immer dabei war die DNCG, das Finanzkontrollgremium des Ligaverbands, das weitreichende Machtkompetenzen besitzt. Alle Profiklubs müssen ihr ihre Bilanzen und Budgets vorlegen und bei finanziellen Unzulänglichkeiten ist das Verbandsorgan befugt, Budgets einzuschränken, Transferverbote auszusprechen oder im schlimmsten Falle die Lizenzen für die einen oder mehrer nationale Wettbewerbe zu verweigern. Gleich mehrere Klubs aus Ligue 1, LIgue 2 und National hatten diesen Sommer Auseinandersetzungen mit der DNCG: Valenciennes‘ Zwangsabstieg aus der Ligue 2 (wohin der Verein sportlich aus der Ligue 1 abgestiegen war) konnte nach dem Auftreten von Luc Dayan und dem Politiker Jean-Louis Borloo bis auf Weiteres abgewendet werden. Diese Saison gilt es den Spagat zwischen sportlicher und finanzieller Konsolidierung zu vollziehen, ansonsten droht nächsten Sommer wieder Ungemach.

Luzenac AP, ein kleiner Klub aus den Pyrenäen, der sportlich aus dem Championnat National (3. Liga) in die Ligue 2 aufgestiegen war, sah sich zunächst wegen finanziellen Schwierigkeiten von der Teilnahme am Unterhaus ausgeschlossen. Nachdem der Fall vor das „Tribunal administratif“ von Toulouse ging (also die Verwaltungsgerichtsbarkeit) und selbiges die DNCG zur Neubegutachtung aufforderte, gab es zunächst grünes Licht. Doch dann verweigerte der Verwaltungsrat der LFP dem Verein den Zugang zur Ligue 2 aus „Sicherheitsgründen“ was das Ausweichstadion angeht. Luzenac also wieder draußen. Und damit verfestigte sich der Eindruck, dass die DNCG bzw. LFP nach Gutdünken handelte, ja schlimmer noch, den kleinen Dorfklub gar nicht in der Ligue 2 haben wollen. Ein weiterer Punkt: Nach dem ersten Ausschluss von Luzenac hatte die LFP den sportlichen Absteiger Châteauroux kurzerhand ins Unterhaus reintegriert – ohne mögliche Revisionen in der Causa Luzenac zu bedenken. Es bestand also die Möglichkeit einer Ligue 2 mit 21 Klubs, was für den Ligaverband eine Katastrophe gewesen wäre, denn die Spielpläne und bereits terminierten Ansetzungen hätten geändert werden müssen. Hat also die LFP Luzenac mit aller Macht ausschließen wollen? Das Problem: Es ist mittlerweile schwer nachzuvollziehen. Über die verschiedenen Instanzen und Parallelgesetzbarkeiten (Verbandslegislation und Verwaltungsgerichtsbarkeit) ergibt sich eine verwirrende Posse, die eher an den angeblichen „Bürokratiesumpf“ Brüssel denken lässt als an die Organisation eines Ligenbetriebs. Was sind Versäumnisse von Luzenac? Wie „bestraft“ der Verband den Klub? Denn: Wem soll weisgemacht werden, dass die Stadionproblematik verhinderte, dass der LAP in der Ligue 2 Fußball spielen könnte?

Lens, die Hypothek

Andere Klubs, wie etwa der RC Lens, hatten bis vor wenigen Tagen auch kein Stadion. Erst am Freitag, wenige Stunden vor dem Ligue-1-Auftakt, präsentierte der Aufsteiger die Übereinkunft, 16 seiner 19 Ligaheimspiele im Stade de la Licorne zu Amiens austragen zu können (die anderen drei finden im Stade de France statt). Denn aus dem heimischen Stade Felix-Bollaert musste der RCL wegen der Umbauarbeiten hinsichtlich der EM 2016 ausziehen. Dass Lens temporär heimatlos war, schien die DNCG bei der Frage, ob Ligue 1 oder Ligue 2 aber weniger zu stören. In der „Affäre Lens“ ging es in eine Lücke des avisierten Budgets von 48 Millionen Euro. In einer von Außen betrachtet sehr undurchsichtigen Posse hieß es wahlweise, eine Überweisung des Eigentümers Hafiz Mammadov stünde aus, dann es würen Bankgarantien fehlen. Lens-Präsident Gervais Martel vollzog einen abenteuerlichen Kommunikationskurs und schob die Probleme auf Feiertage, falsche Banken oder schlicht die IBAN, versehen mit dem sprichwörtlichen „Am Ende wird alles gut!“.

Wurde es letztendlich auch, nachdem auch dieser Fall durch die Instanzen ging (allerdings nur die sportpolitischen). Schlussendlich wurde Lens zur Ligue 1 zugelassen, aber durch die DNCG eine Transfersperre ausgesprochen, weil die Finanzspritze durch Mammadov noch immer nicht eingetroffen sei. Das wiederum rief den FC Sochaux, der der Profiteur eines Lens-Verbleibs in der Ligue 2 wäre, auf den Plan. Sochaux forderte letzte Woche die Neubearbeitung des Falls und die Reintegration in das Oberhaus des französischen Fußballs, wohlgemerkt bereits nach dem ersten Spieltag der neuen Ligue-2-Saison. Der Absteiger hatte an jenem 0:1 gegen Orléans verloren. Ironie der Geschichte: Die Budgetprobleme lasten nun auch sportlich auf den Lensois. Während der Vorbereitung verschwand Trainer Antoine Kombouaré kurzerhand bis die Situation geklärt war. Torwart Alphonse Aréola und Verteidiger Marcel Tisserand, die letzte Saison von Paris, respektive Monaco an Lens ausgeliehen waren, heuerten bei Bastia und Toulouse an; Spielraum den Kader umzugestalten gibt es offenbar nicht. Und dann ging das Saisonauftaktmatch gegen Nantes auch noch mit 0:1 verloren.

Und sonst so?

Wenn der Status quo in den Fällen Lens und Luzenac noch nicht restlos geklärt ist (Luzenac und Sochaux könnten weitere Verfahren anstreben), so scheint es, als habe sich die Konstitution der beiden höchsten Ligen nun endlich gefunden. Es bleiben natürlich die Fragen, was wir zu erwarten haben. PSG ist und bleibt der haushohe Favorit auf den Titel. Alles Andere wäre als Überraschung zu werten. Dahinter sind mit Monaco, Lille und Marseille zunächst 3 Teams anzusiedeln, die vom Anspruch, den sportlichen und finanziellen Mitteln um die Podiumsplätze 2 und 3 kämpfen. Bei Monaco und Lille wird die Frage auch sein, wie sie mit der Belastung aus der Champions League zurecht kommen. Lille trifft in den Playoffs auf den FC Porto, ein Duell das auch eine brisante Komponente enthält, was die Uefa-Fünfjahreswertung angeht, hat doch Portugal Frankreich dort gerade überholt. Marseille könnte, wenn Bielsa ein System findet, dass Offensive und Defensive versöhnt, der lachende Dritte aus diesen drei Klubs sein.

Daneben finden wir ambitionierte Klubs wie Saint-Étienne, das wie in den letzten beiden Jahren zum Kreis der Europaaspiranten gehört. Das Beispiel Sainté ist deshalb interessant, weil es einen Mittelweg darzustellen scheint zwischen Kontinuität was Spielsystem, Trainer und Kader angeht und nötigen Investitionen zur Aufwertung der Mannschaft. Extremer geht es da bei Lyon und Rennes zu. Die einen setzen angesichts wegen des Stadionbaus klammer Kassen radikal auf die eigene Jugendarbeit, und verstärken den Kader nur punktuell. Die anderen vollziehen dieses Jahr nach dem Trauma des (wieder) gegen den Rivalen Guingamp verlorenen Pokalfinals einen radikalen Kaderumbruch. Beim Aufeinandertreffen von OL und Rennes am Sonntag (2:0) wurde klar: Rennes wurde nicht an einem Tag erbaut. Es scheint noch Zeit zu brauchen, bis Trainer Montanier aus den vielen Neuzugängen (darunter der ex-Freiburger Gelson Fernandes) eine eingeschweißte Einheit geformt hat. Aus spezifisch deutscher bzw. bayerischer Sicht lohnte auch ein Blick nach Bordeaux, wo Willy Sagnol das Ruder bei den Girondins übernommen hat. Und mit Diego Contento hat es einen weiteren ex-Münchner an die Gironde-Mündung verschlagen. Jener war beim Auftaktsieg in Montpellier (0:1 aus Sicht des MHSC) noch nicht dabei, ebenso-wenig wie Lucas Barrios, der offenbar vor einer Leihe zu den Héraultais steht. Für den Meister von 2012 könnte es wieder eine schwierige Saison werden. Wie in den Jahren 2012 (Giroud, Yanga-Mbiwa) und 2013 (Belhanda) hat mit Rémy Cabella ein Schlüsselspieler den Verein verlassen. Gut möglich, dass mit Benjamin Stambouli ein weiterer folgt.

Dann hätten wir mit Nizza, Toulouse, Lorient, Reims oder Bastia noch einige Klubs, die eher im Mittelfeld des Tableaus anzusiedeln sind, aber vielleicht mit einem Auge auf die Kontaktzone zu den europäischen Plätzen schielen. Dahinter dürften sich grob die Aufsteiger Lens, Metz und Caen und die Westfranzosen aus Nantes und Guingamp sowie ETG einordnen. Prognosen, wohin die Reise gehen könnte, kann man angesichts der durchaus erkennbaren Ausgeglichenheit im mittleren und unteren Tabellendrittel wohl frühestens nach dem 10. Spieltag treffen, wenn überhaupt.

In diesem Sinne: Schön, dass Du wieder da bist, Ligue 1!

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Ligue 1: Auf ein Neues – Rundumschlag zum Saisonstart

  1. Hab nur durch Zufall deinen Blogeintrag gefunden … Mach doch mehr Werbung dafür! Das geht voll unter …
    Sensationell übrigens ❤
    Nice to have you back!

    Verfasst von Marco Stein | 14. August 2014, 21:11

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  1. Pingback: LFP: Thiriez vs. Braillard – “Affäre Luzenac” geht in die nächste Runde | Der Footix - 19. August 2014

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  • Wenn das sein echter Account ist, sieht man Ljuboja bald wieder auf der anderen Seite des Rheins. #LastRT 2 years ago
  • RT @LjubojaD: Direction Allemagne nouvelle destination 2 years ago
  • Ahahaha. Leute beschweren sich, dass Guardiola mit Alonso einen Spanier holt. Morgen wird dann wieder Fußball als globaler Sport abgefeiert. 2 years ago

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