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LFP: Thiriez vs. Braillard – „Affäre Luzenac“ geht in die nächste Runde

Die „Affäre Luzenac“ schlägt weiter ihre Kreise. Während das Dossier momentan im Stand-by ist, intervenierte jetzt ein Staatssekretär öffentlichkeitswirksam. Der Ligapräsident reagiert gereizt.

Beim morgentlichen Lesen der „L’Équipe“-Meldungen stieß ich neben dem in Zeiten offener Transferfenster und geschlossener Trainings normalen Gossip auf Neuigkeiten zur so genannten „Affäre Luzenac“. Während zu Begin der Auseinandersetzung zwischen dem Luzenac AP und der LFP um die Teilnahme an der diesjährigen Ligue 2 die Bezeichnung „Affäre“ allenfalls ironischerweise auf die sportadministrative Ausfechtung des Streits gepasst hatte, verdiente sie sie sich nach einem Gang durch die Instanzen und allerlei medialer Repräsentationen nun redlich. Momentan hängt das Dossier, über das rudimentär auch hier berichtet wurde, Rekurse gegen die neuerliche Verweigerung der Integration in die Ligue 2 sind beim CNOSF und dem „Tribunal administratif“ zu Toulouse anhängig.

Thiriez schießt scharf

Und nun also das: Im heutigen Artikel des führenden französischen Sportblatts war die Rede von Ligapräsident Frédéric Thiriez, der ein Kommuniqué redigiert habe und sich gegen „politischen Druck“ verwahre. Also, was wollte uns Thiriez sagen? Das Kommuniqué, oder sagen wir mal, der Vierzeiler, im – so gut als möglich übersetzten – Wortlaut:

„Ich verstehe, dass Thierry Braillard dem Druck seiner politischen Freunde im Departement Ariège ausgesetzt ist. Aber die Liga [LFP] wendet nur ihre Regularien an, die für alle Klubs die selben sind und die Luzenac wie den anderen [Klubs] geboten sind aus offensichtlichen Gründen der Gerechtigkeit. Ich werde also keinem politischen Druck weichen, woher er auch komme.“

Eine direkte Ansage an Thierry Braillard, seines Zeichens seit der Regierungsumbildung vom Mai 2014 Staatssekretär für Sport. Er ist der Ministerin für die Rechte der Frauen, Stadt und Jugend und Sport (sic!), Najat Vallaud-Belkacem (NVB), beigeordnet und dürfte als Schlüsselakteur der Sportpolitik des Kabinetts Valls I gesehen werden. Ein Blick auf seine aktuelle Agenda weist den „Radikalsozialisten“ (PRG = ehemaliger linker Flügel der historischen Parti Radical; Koalitionspartner von Hollandes PS), der aus dem Großraum Lyon stammt und dort beruflich wie politisch tätig gewesen ist, als vielbeschäftigten Mann aus: Unter anderem stehen bzw. standen diese Woche neben den Empfängen für die Rugbymannschaft der Damen und für die Leichtathleten auch ein Treffen der Minister im Matignon und – jetzt wird es interessant – ein Treffen mit „Verantwortlichen der LFP“, Innenminister Bernard Cazeneuve und NVB am Donnerstagnachmittag auf dem Plan. Bei dieser Zusammenkunft, die anlässlich der Ausschreitungen um das Spiel Bastia-OM einberaumt wurde, wird er anscheinend direkt auf Thiriez treffen, der ihn heute so vehement kritisierte.

Braillard fordert Reformen

Der Auslöser für diese Kritik ist ebenfalls in Braillards Agenda zu finden: Montag, 8.15 Uhr, „Matinale de France Info“. Gegenüber dem Radiosender traf der Staatssekretär einige Aussagen, die dem Ligapräsidenten so gar nicht geschmeckt haben dürften:

„Es gibt eine Heuchelei der Liga [der LFP], die den Zugang der Amateure zur Welt der Profis verhindert. Entweder bleibt man bei einer Art geschlossenem Klub mit 18 Vereinen in der Ligue 1 [sic!] mit patenschaftlichem Zugang, oder man pflegt es, den Wettbewerben ein sportliches Interesse zu geben und begleitet in diesem Falle die Amateurklubs, die beschuldigt werden, in ihrem Verhalten ‚amateurhaft‘ zu sein [bei der Teilnahme an den Profiwettbewerben].“

„Heuchelei“, Exklusivität, Abgekoppeltheit vom Breitensport. Nichts weniger wirft Braillard dem Ligaverband vor. Wenn er es was den konkreten Fall Luzenac betrifft, angesichts der schwebenden Verfahren bei einer persönlichen Meinungsäußerung belässt (er hätte den LAP gerne in der L2 gesehen), geißelt er den unhaltbaren Zustand, dass der Klub momentan weder in der zweiten noch der dritten Liga am Spielbetrieb teilnehme. Wohlgemerkt sind beide Wettbewerbe schon gestartet. Und er belässt es mitnichten bei dieser Art Kritik am status quo, sondern legt bezüglich der Prozesse zur Aushandlung von Konflikten wie im Falle Luzenacs nach: „Es gibt eine Rechtsprechung und die Entscheidungen über die Klubs betreffende Rekurse, die aus einer anderen Zeit sind.“ „Es ist unerträglich, mehrere Monate zu warten, bevor man weiß, ob man das Recht hat, an einem Wettbewerb teilzunehmen oder nicht.“ Angesichts dessen stößt der Regierungsvertreter Reformen in der Jurisdiktion solcher Fälle an.

Thiriez und sein Politikverständnis

Zurück zum knappen, aber aussagekräftigen Kommuniqué des LFP-Präsidenten. Wenn er sich vehement gegen die Intervention des Staatssekretärs verwahrt, so bringt er zwei „Argumente“ als Antwort auf die Kritik Braillards: Erstens würden für Luzenac exakt die gleichen Kriterien angelegt wie für jeden anderen Klub und dementsprechend gehandelt. Und zweitens versucht Thiriez, die Vorwürfe abzutun, indem er einerseits Braillard vorwirft, Druck aus dem Ariège ausgesetzt zu sein und andererseits klarstellt, selbst solchem Druck nicht zu weichen.

Übersetzt: Wenn sich der Staatssekretär für Sport, der unmittelbar der Sportministerin untergeordnet ist, zu einem Thema äußert, das mittlerweile irgendwo zwischen Ligajurisdiktion und Verwaltungsgerichtsbarkeit zu verorten ist, dann kann das also nur auf „politischen Druck“ hin geschehen. Und überhaupt setzte man nur die Statuten um. Thiriez offenbart hier ein Politikverständnis, das stark negativ geprägt ist. Anstelle Politik zum Beispiel positiv als regelgeleitete Aushandlung unterschiedlicher Interessen in bestimmten Arenen zu betrachten, sieht der Ligapräsident, dessen LFP am Donnerstag ein Treffen mit der Sportministerin, ihrem Staatssekretär und dem Innenminister abhält, normative Äußerungen und Reformanstöße Braillards als irgendwie durch Einflussnahme zu Stande gekommene Störfeuer. Man denke an Wahlkalkül, Klientelismus und so weiter (auch wenn davon explizit nicht die Rede ist).

Luzenac noch immer „SCF“

Dabei fehlt es weiterhin an einer glaubwürdigen Argumentation des Ligaverbands, die die Vorwürfe der Ungleichbehandlung Luzenacs, z.B. gegenüber Lens (die zum Zeitpunkt ihres Verfahrens kein Stadion vorzuweisen hatten), entkräften könnte. Das plumpe Abtun von berechtigter Kritik lässt im Gegenteil den Eindruck der willkürlichen Behandlung der Klubs nach Gusto eher verstärken.

Dem Luzenac AP helfen die Auseinandersetzungen vordergründig zwar nicht weiter, der Vorstoß Braillards dürfte aber eine weitere Medialisierung bewirken, ebenso wie zahlreiche Sympathiebekundungen, ob von organisierten Fangruppen in den Stadien (z.B. „Soutien à Luzenac“-Transparente) oder in den sozialen Netzwerken (z.B. auf Twitter via Hashtags #LuzenacEnL2). Der Klub wartet derweil auf seine Anhörungen: Mittwoch vor dem CNOSF; der Termin für das TA von Toulouse scheint noch nicht zu stehen. Und bleibt, wie es in einem Artikel in der „Dépêche du Midi“ hieß, „SCF“ – „sans championnat fixe“ („ohne festen Wettbewerb“, in Anlehnung an „SDF“ = „sans domicile fixe“, dt. „ohne festen Wohnsitz“). Und daran wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den nächsten Tagen nichts ändern.

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